Infoveranstaltung über Zoom - Moderner Wahlkampf

„Mit den so langsam eintreffenden Wahlunterlagen liegt bei manchem auch der ein oder andere Werbeflyer von Parteien oder den Direktkandidaten bei. Aber spätestens, wenn man durch die Hauptstraßen der Gemeinden fährt und von Wahlplakaten und riesigen Aufstellern fast erschlagen wird, ist dem letzten klar, jetzt steht wieder eine Wahl an – ist denn das noch zeitgemäß?“ So lautete die Beschreibung in der Einladung zu einem Zoom-Talk mit dem 23-jährigen, parteilosen Kandidaten Jonas Fritsch. „Bei mir in Hockenheim muss eine Laterne teilweise für 3 Gesichter herhalten, das ist schon ein Bärendienst, was die da teilweise leisten“, witzelt der Student zu Beginn seiner Session zum Thema „Moderner Wahlkampf“. 

„Plakate sollten in der heutigen Zeit absolut überflüssig sein. Zum einen verunstalten sie die Umgebung und sind für die 4 Wochen, in denen Sie hängen, das Gegenteil von der von so ziemlich allen gern gepredigten Nachhaltigkeit. Zum anderen bringen sie kaum Inhalte rüber und versuchen die Leute lediglich mit netten Gesichtern und belanglosen Sprüchen zu beeinflussen. Das halte ich nicht für den richtigen Weg.“ 

In der interaktiv gestalteten Session fanden alle anwesenden die Vielzahl an Werbematerialien an den Hauptverkehrsadern des Wahlkreises durchaus auffällig und es wurde angemerkt, dass anscheinenden sogar mit Plakaten eine Art „Geo-Marketing“ stattfinde. „In manchen Gegenden findet man ein Überschuss von einer Partei, welche man in den etwas entfernteren Gemeinden fast gar nicht findet“, so eine junge Teilnehmerin. „Die Flyer, die teilweise schon eingeworfen wurden, landen bei mir direkt im Müll und sind eher ein Anreiz, jemanden nicht zu wählen“ fügte ein anderer hinzu. 

Einer der Anwesenden merkte jedoch an, dass die Werbematerialien meist mit einem „Klimaneutral-Siegel“ versehen sind und daher doch keine Schäden verursachen würden. Fritsch stimmte zu, dass dies das mindeste ist, was man machen sollte aber jede nicht ausgestoßene Tonne CO2 immer noch die beste ist und der Baum für das nötige Material ja trotzdem schon gefällt werden musste und die bundesweit unzähligen Plastikkabelbinder zur Befestigung der Plakate da nicht drunter fallen würden. 

Die Absolute Ironie für Fritsch sei jedoch der extra für den Wahlkampf beklebte VW-Sprinter einer seiner Mitbewerber, den neben den bereits thematisierten Gesichtsnahaufnahmen auch noch groß die Aufschrift „Umweltschutz“ ziert. 

Des Weiteren stellte Fritsch klar, dass bei seinen Infoständen auch niemanden etwas in die Hand gedrückt werde. Er predige nicht nur Digitalisierung, wie das auch andere vorgeben, sondern lebe sie auch im Wahlkampf vor: „Auf meinem Austeller sind QR-codes die man mit dem Smartphone scannt und in zwei Sekunden ist man auf meiner Webseite oder hat direkt die mobil-freundliche Version meines eigenen Wahlprogramms auf dem Gerät. Das Handy bringen alle schon mit aber solche Papierflyer überleben höchstens die ersten zwei Mülleimer“, so Fritsch, der eingefahrene Wahlkampftaktiken und Dinge, „die man schon immer so gemacht hat“ hinterfragt. 

Unter den anwesenden, größten Teil jüngeren Gesprächspartnern, erhielt er dafür generelle Zustimmung. 

Dennoch wurde auch Kritik an dem politischen Neuling geübt. Alle Kandidierenden würden vier Jahre lang nicht in der Zeitung auftauchen oder sich kaum bemühen, um mit den Leuten aus dem Wahlkreis ins Gespräch zu kommen und jetzt vor der Wahl seien Fritsch und die anderen plötzlich omnipräsent. Der junge Kandidat teilte die Aussage eigentlich: „Ja das stimmt aber zum einen beschäftigen sich viele Menschen auch erst kurz vor der Wahl intensiv 

mit den Kandidierenden und bei mir hat sich die Idee zur Kandidatur auch wirklich erst vor kurzem konkretisiert.“ Seine Mitstreiter seien zumeist schon ewig im Amt oder haben teilweise schon mehrere Wahlkämpfe bestritten – zum Teil ja zuletzt erst vor kurzem, um in den Landtag zu kommen, versuchte sich Fritsch doch etwas abzugrenzen. 

Anschließend ging er dann in seine eigene Kampagne über. Diese spiele sich hauptsächlich online ab. Mehrere Videos und Informationsposts habe er bereits auf YouTube, Instagram und Facebook geschalten, wofür er sein eigenes Geld verwendet, da er als Bewerber ohne Partei keine Unterstützung einer solchen erhält und auch keine Spenden annimmt, die ihm dann „im Nacken liegen könnten“. „Online Marketing ist perfekt für eine Wahl, hier kann man Zielgenau bestimmte Gruppen erreichen und auch die Wahlkreisgemeinden spezifisch auswählen.“ All seine Werbematerialien erstelle er selbst und hat sich das alles mit der Zeit mit der Hilfe von unzähligen Videos auf YouTube selbst beigebracht. Fritsch zeigte den Anwesenden zudem, wie man diese dann als bezahlte Werbung auf den jeweiligen Kanälen platziert, welche Einstellung er trifft und welche Besonderheiten es gibt, da es sich um politische Inhalte handele. Für die meisten, die zwar täglich solcher Werbung begegnen, war dies neu und eine schöne Einführung hinter die Kulisssen. „Ich gebe zu, als digital native fällt mir das schon leichter als zum Beispiel meinen Eltern, aber genau deshalb braucht es doch auch junge Menschen im Bundestag, die mit den stetig neuen digitalen Medien und Anforderungen von klein auf vertraut gewesen sind.“ Die großen Parteien und deren Kandidierende hätten hierfür natürlich professionelle Unterstützung oder ein Team hintendran, wobei er das lediglich allein aus seinem zum Wahlbüro umfunktionierten Kinderzimmer stemmt. Trotzdem stehe er diesen in nichts nach im Gegenteil. „Du hast mit Abstand den besten online-Auftritt von allen Direktkandidat:innen“ lobte ein Zuschauer per Chat. Bei online Medien habe man den Vorteil, nicht nur auf plumpe Sprüche setzten zu müssen, sondern in einem 30-sekündigen Video kann man sich als Kandidat und seine Anliegen doch schon besser vorstellen und Interessierte seien nur einen Klick entfernt, sich mehr Informationen beschaffen zu können, so der Hockenheimer Fritsch. 

Abschließend ging er noch auf seinen Inhalt auf seinen Kanälen bei Social Media ein, auf denen er neben wichtigen Sachthemen und Ankündigen auch auf Spaß und politische Aufklärung setzt. „Ich sehe es auch als meine Verpflichtung, den Leuten die Wichtigkeit der Wahl klarzumachen und auch zu informieren, wie das überhaupt funktioniert bei einer personalisierten Verhältniswahl und wie der Wahlzettel eigentlich aussieht.“ 

Zudem habe er ein paar Inhalte, die auch nicht so ernst genommen werden sollen und aufzeigen, dass Politik auch Spaß machen kann. „Wenn ich einem mit meinen Anstrengungen die Politik schmackhaft und interessant machen kann und dazu den ein oder anderen zur Wahlurne bewegen, dann hat sich das Ganze für mich doch schon gelohnt.“ Fasste der ungewöhnliche Bewerber zusammen. 

Zum Schuss appellierte er noch an alle Anwesenden, seine Beiträge und Infos zu seiner Kandidatur zu teilen – dies dürfe nicht nur digital, sondern auch ganz analog am Küchentisch oder bei der Oma passieren – und bedankte sich für die Teilnahme und die aktive Beteiligung.